Neurofeedback – wie man das Hirn trainiert, sich selbst zu helfen

Ängste, Süchte, Unruhe, Aufmerksamkeitsdefizite – man kann diesen Problemen ohne Medikamente beikommen. Auch in Salzburg wird Neurofeedback mit ersten Erfolgen angewandt.

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Elisabeth Adleff hält in ihrer Salzburger Praxis einen Styroporkopf in der Hand auf dem kleine hellgrüne Gummi-Noppen kleben. Damit veranschaulicht sie dem interessierten Besucher, wie Neurofeedback angewandt wird. Die Noppen stellen nämlich jene Stellen auf dem Kopf dar, an denen – beim „echten“ Menschen – Sensoren aufgeklebt werden. Es ist im Prinzip wie bei einem EEG beim Neurologen: Die Kontakte erfassen Gehirnströme, diese werden an einen Computer weitergeleitet und auf einem Bildschirm dargestellt.

Der Patient betrachtet nun diesen Bildschirm, ja: er muss es sogar, es ist ein wesentlicher Teil der Therapie. Der Patient sieht allerdings keine Wellenlinien oder andere Diagramme auf dem Display. Er sieht wie seine Gehirnströme beispielsweise ein Raumschiff durch einen Tunnel steuern. Je nach Intensität der Gehirnaktivität ändert sich die Geschwindigkeit des Raumschiffs, die Breite oder die Farbe des Tunnels. Das Raumschiff ist nur eine von vielen grafischen Da

rstellungsformen, für Kinder gibt es spezielle Programme.

Mit Raumschiffen sind die Patienten in ihrer realen Welt natürlich nicht konfrontiert. Diese Menschen leiden an Migräne, Depressionen, Süchten, Ängsten oder Aufmerksamkeitsstörungen. Aber es gibt auch andere. Elisabeth Adleff: „Ich arbeite seit vielen Jahren im Coachingbereich. Mit dem sogenannten Neurofeedback Peak Performance Training optimieren Führungskräfte ihre Leistungen, sind konzentrierter, aufmerksamer und emotional stabiler“.

Das Gehirn organisiert sich anders

Mit Neurofeedback kann der Patient sein Gehirn so trainieren, dass es sich gleichsam anders organisiert. „Man lernt, sich anders zu strukturieren“, sagt Elisabeth Adleff. Dies geschieht völlig ohne Medikamente.

Motivation und Trainingsfleiß des Patienten sind dabei unumgänglich. Ein, besser zwei Mal die Woche soll trainiert werden. Auch Menschen mit ADHS profitieren von dieser Methode:. In einer deutschen ADHS-Studie wurde Neurofeedback mit Ritalin verglichen. „Die Wirkung auf Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Konzentration war in etwa gleich“, fasste das Magazin „Geo“ (04/15) die Studie zusammen. Zwei Jahre nach Ende der Therapie habe sich bei der Hälfte der Behandelten die Störung nicht mehr diagnostizieren lassen. Auch Epileptiker seien in der Lage, ihren Anfällen vorzubeugen.

5.000 ADHS-Kinder in Salzburg

Die genaue Zahl jener, die etwa in Salzburg von der Aufmerksamkeitsstörung ADHS betroffen ist, kennt niemand. Der allgemeine Prävalenz-Wert für ADHS beträgt im Schul- bzw. Vorschulalter etwa fünf Prozent. Nimmt man diese Zahl zum Maßstab wären dies im Land Salzburg bei rund 100.000 Unter-18-Jährigen also an die 5.000 Mädchen und Burschen. Um deren vor allem im Unterricht störende „Zappeligkeit“ in Zaum zu halten, wird ihnen oft das nicht unumstrittene Prä

parat Ritalin verabreicht.

Iwan Pawlow gilt als Pionier

Das Prinzip, der Grundgedanke des Neurofeedback ist an sich nicht neu, als einer der historischen Vorläufer gilt der russische Arzt und Nobelpreisträger Iwan Pawlow, der 1905 experimentell mit einem Hund die „klassische Konditionierung“ nachwies. In den 1970er-Jahren erfuhr das Verfahren vor allem in den USA basierend auf dem Biofeedback methodische Verfeinerungen, führte jedoch durch die massenhafte Markteinführung chemischer Psychopharmaka ein Schattendasein. Neurologen wie das US-amerikanische Forscherehepaar Siegfried und Susan Othmer blieben jedoch beharrlich am Ball.

Ein Spiegel für das Gehirn

Sie entwickelten das so genannte Infralow-Training (ILF). Beim ILF-Training wird nicht versucht von bestimmten Frequenzen willentlich mehr oder weniger zu produzieren, sondern es geht vielmehr darum dem Gehirn spezifische Parameter aus dem niedrigen Frequenzbereich, wie in einer Art Spiegel zu präsentieren, damit das Gehirn diese Information sinnvoll nutzen kann, um den eigenen Erregungslevel selbstorganisatorisch besser zu regulieren.

Die Mühe lohnte sich. In jüngster Vergangenheit erfuhr Neurofeedback ein Revival, Image-Schübe kamen aus dem Spitzensport. Von ihrer Arbeit mit Athleten weiß auch Elisabeth Adleff, dass Neurofeedback nicht mit einer einmaligen Trainingssitzung erledigt ist: „Jeder hat alles in sich, trägt alles in sich, um sich selbst zu helfen. Man muss es eben nur zu Tage fördern.“

Krankenkasse ist zurückhaltend

Für eine Sitzung muss der Patient/Klient mit etwa 100 Euro rechnen. Bei der Krankenkasse ist Neurofeedback allerdings nicht als solches zur Rückvergütung einreichbar, da es sich dabei um keine gesetzlich anerkannte Therapiemethode handelt. Auf den Honorarnoten wird daher kaum „Neurofeedback“ stehen. Bis diese Methode als solche vor dem Gesetz – und damit auch vor den Krankenkassen – besteht, wird es also noch dauern. Aber darum haben die Psychotherapeuten selbst lange ringen müssen.

Zum WM-Titel mit Neurofeedback

Sportler und ihrer Betreuer haben mit mentalem Training weniger Berührungsängste. Die italienische Fußball-Nationalmannschaft beispielsweise hat dies unter Beweis gestellt. Das Team machte Erfahrungen mit Neurofeedback. Dokumentiert ist das etwa aus 2006. In jenem Jahr gewann die „squadra azzurra“ die Weltmeisterschaft.

 

Quelle:

www.salzburg.com