Wenn das Gehirn zur Fernsteuerung wird

Millionen und Abermillionen von Denkoperationen absolviert unser Gehirn jeden Tag. Meistens, ohne dass wir es aktiv bemerken. Denn uns fehlt der Sinn dafür, das, was in unserem Hirn passiert, zu fühlen oder zu kontrollieren. Doch Wissenschaftler wie Andrea Kübler an der Universität Würzburg arbeiten daran, das zu ändern. Sie wollen die Aktivität des Gehirns steuerbar und vor allem nutzbar machen.

gedankenkraft
Von: Inga Pflug / Redaktion: Gerda Kuhn

„Das Gehirn besteht aus vielen, vielen Millionen, Milliarden Nervenzellen und diese Nervenzellen sind aktiv und durch die Aktivität erzeugen sie Elektrizität, wenn man so will. Und ein Gedanke ist eben nichts anderes, als Aktivität dieser Nervenzellen. Je nachdem, was Sie denken oder an was Sie denken, ist diese Aktivität unterschiedlich.“
Andrea Kübler, Diplom-Biologin und Diplom-Psychologin, Uni Würzburg

Mit Gedanken den Computer steuern

Mittels Neurofeedback bringen die Würzburger Hirnforscher ihren Probanden bei, bestimmte Hirnareale gezielt anzusteuern. Die Aktivität, die dabei entsteht, nutzen die Forscher dann zur Steuerung von Computern. Eine Gehirn-Computer-Schnittstelle (Brain-Computer-Interface, BCI) „liest“ die Gedanken aus und übersetzt sie in eine Reaktion des Computers. Theoretisch könnten so bereits heute einfache Befehle per Gehirn statt per Fingerdruck an Maschinen übermittelt werden. Doch Andrea Kübler und ihr Team wollen mit der Methode vor allem Schlaganfallpatienten helfen, ihre Konzentrationsfähigkeit wieder herzustellen. Sie trainieren das Gehirn wie einen Muskel.

Hilfe für Schlaganfallpatienten

Ihr Gehirn aktiv ansteuern müssen auch die Patienten, denen der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer helfen will. In seinen Studien lässt er den Bewegungsgedanken eines Gelähmten von einem Roboterarm in die Tat umsetzen. Dieser Roboterarm bewegt den echten Arm oder die Hand des Patienten und stellt dadurch wieder eine Verbindung zwischen Wollen und Tun her. Das Resultat: Schlaganfallpatienten erlangen schneller wieder die Kontrolle über ihren Körper zurück.

Es klingt zunächst wie Science-Fiction:

Allein mit Gedankenkraft werden Computer gesteuert. Forscher arbeiten aber tatsächlich daran, Gedanken „auszulesen“. Eine Technologie, die große Chancen, aber auch große Risiken birgt.

Wirkung von Gedanken

Oft schaffen wir es aber nicht einmal, unsere eigenen Gedanken im Alltag so zu steuern, wie wir möchten. Für die Bamberger Psychologin Astrid Schütz steht fest: Wir sind teilweise Herr unserer Gedanken und können Einfluss auf sie nehmen. Teilweise ist der Mensch aber auch Opfer seiner Gedanken. Gerade, wenn es um Gedanken geht, die „automatisch“ entstehen.

„Das Hirn findet da oft neue und ganz geschickte Wege, wie es wieder den Weg zur Hand findet.“

Niels Birbaumer, Psychologe und Neurobiologe an der Universität Tübingen

Die Sendung zum Nachhören Gedankenkraft

Ferngesteuerte Menschen?

Eine Elektrodenhaube eines Brain-Computer-Interface
Das sind nur zwei konkrete Anwendungsbeispiele für die Nutzung von Gedankenkraft. Die Industrie tüftelt daran,Tablets oder ganze Maschinen von Gedanken steuern zu lassen. Und auch das US-Militär hat großes Interesse, an Brain-Computer-Interfaces. Denn Impulse können auch von außen ins Gehirn eingespeist werden und der Mensch so ferngesteuert werden, warnt Neurobiologe Birbaumer.

„Ich kann das Gehirn auch stimulieren auf diese Art und Weise. Und das wird sicher missbraucht werden und wir wissen ja, das speziell das amerikanische Militär da Millionen bereits reingepumpt hat, in diese Art der sogenannten Gehirn-Computer-Interface-Forschun, weil sie eben glauben, dass sie damit erstens mal ihre Soldaten besser steuerbar machen und zweitens natürlich, weil sie auch glauben, dass man damit Zustände im Gehirn, die sie nicht wollen, wie z.B. Müdigkeit, mangelnde Aggression, dass man die damit erkennen kann und dann sozusagen ändern kann.“
Niels Birbaumer, Psychologe und Neurobiologe an der Universität Tübingen

Mal ist es vielleicht nur ein Duft aus unserer Kindheit, der uns für einen Moment an einen lieben Menschen erinnert und uns ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ein anderes Mal trägt irgendeine Gedankenverknüpfung dazu bei, das uns der neue von einer Sekunde auf die andere unsympathisch erscheint. Aber auch, wie wir im Alltag an Dinge herangehen, wird von unseren Gedanken „ferngesteuert“. Studien belegen: Optimismus ist angeboren. Und Menschen mit einer höheren „Selbstwirksamkeitserwartung“ sind erfolgreicher. Gleichzeitig zeigt sich in Laborversuchen, dass optimistisch veranlagte Menschen sich leichter aufarbeiten, sagt Astrid Schütz.

„Noch lange bevor wir das wahrnehmen, kann ein Geräusch, ein Anblick, ein Geruch bei uns Prozesse auslösen, neuronale, physiologische Prozesse, und es wirkt sozusagen auf uns, noch lange bevor uns das bewusst ist.“

Astrid Schütz, Psychologin an der Universität Bamberg

Kontrolle der Gedanken

Training und Autosuggestion können in diesen Fällen helfen, die eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Und sie begleiten uns bis zuletzt. Selbst wenn der Körper nicht mehr funktioniert, beispielsweise bei Menschen mit schweren Erkrankungen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft bewegen können, die in ihrem Körper gleichsam eingesperrt sind: Solange das Gehirn noch funktioniert, sind auch noch Gedanken da. Und können mittels Gehirn-Computer-Schnittstelle auch zur Kommunikation genutzt werden. Oder wie im Fall von ALS-Patientin Heide Pfützner auch zum Malen. Mittels Brain-Computer-Interface kann sie sich künstlerisch betätigen, obwohl sie aus eigener Kraft nur noch ihre Augen bewegen kann.

„Leider gibt’s aber Situationen die wir nicht aus eigener Kraft bewältigen können. Und dann besteht naturgemäß für diesen aktiven optimistischen Stil die Gefahr, dass wir uns aufarbeiten. Das kann natürlich im Arbeitsalltag ein sehr schlimmer Stressor werden.“
Astrid Schütz, Psychologin an der Universität Bamberg

Menschen wie Heide Pfützner konnte die Hirnforschung mit den Brain-Computer-Interfaces schon helfen. Versuche mit Rattgedankenen und Affen, aber auch mit Menschen, deuten auf noch weit größere Potentiale unserer Gedanken hin. Noch fehlen aber Regeln, die einen möglichen Missbrauch zuverlässig verhindern könnten.

„Es zwingt mich zu Disziplin, Konzentration und Beschränkung auf bestimmte Formen, Farbdichten und Zusammensetzungen. Gleichzeitig gibt es mir aber auch die Möglichkeit, mich wieder kreativ auszudrücken. Brainpainting macht mich jedesmal wieder glücklich und zufrieden.“
Heide Pfützner, ALS-Patientin per Mail über ihr Brain-Computer-Interface

Quelle:

br.de